Allianz-Arena München in Zeiten des Corona-Virus: Wie leidensfähig echte (Fußball-)Fans wirklich sind…

Von Fan-Forscher und Focus-Online-Experte Roman Becker

Es sind Szenen wie aus zwei entfernten Welten: 75.000 Fußballfans feiern am Wochenende Jubiläum in München, „Simply the best“ erklingt durch die ausverkaufte Allianz-Arena, Hansi Flicks Schützlinge brillieren in Sondertrikots – eine emotionale Erinnerung an die erste Meistersaison 1931/32. Rund 150 Kilometer Luftlinie entfernt: Das Epizentrum des Coronavirus in Europa. Italien ist zum Sperrgebiet erklärt. Das öffentliche Leben für viele Millionen Menschen lahmgelegt. Die Angst geht um und macht auch an der Grenze zu Deutschland nicht halt. Die Fußballfans in München aber nehmen in Kauf, sich anzustecken – um ihre Mannschaft zu unterstützen.

Warum gehen Fans dieses enorme Risiko einer Ansteckung in einem ausverkauften Fußballstadion ein, während andere aus Angst vor Ansteckung ihre Wohnung nicht mehr verlassen oder auf den Händedruck bei der Begrüßung verzichten? Aus mehr als 20 Jahren Fan-Forschung wissen wir: Fans sind leidensfähig. Eine Fan-Beziehung beruht auf einer emotionalen Bindung. Diese lässt den Fan auch in schwierigen Zeiten zu seinem „Idol“ stehen und macht ihn extrem einsatzbereit und leidensfähig. Lieber würde der echte FC-Bayern-Fan sterben als nicht bei der Feier zum 120. Jubiläum dabei zu sein. Klingt übertrieben, ist aber so: Eine überwältigende Mehrheit der Fans antwortet in Befragungen, dass sie sich eine Welt ohne ihren Verein, ihr Idol nicht vorstellen kann.

Fans verzeihen schlechte Leistungen

Doch damit nicht genug, weitere Eigenschaften machen Fans für Vereine wie Stars im wahrsten Sinne unbezahlbar: Ein Fan ist bereit, weite Wege zurückzulegen, um seinen Star zu treffen; er zahlt klaglos überteuerte Preise für Konzertkarten oder Merchandising-Artikel; er investiert Zeit, Energie und Geld in die Arbeit der Fan-Community, oder er steht im Januar bei Wind und Wetter im Stadion. Und Fans verzeihen schlechte Leistungen; sie lassen ihre Mannschaft nicht im Stich, auch wenn sich Niederlage an Niederlage reiht. Denkt man an die letzte Fußball-Bundesliga-Saison, so können Fans aus Hamburg oder Stuttgart ein Lied davon singen – und trotzdem ist fast jedes Heimspiel dieser Vereine in der laufenden Zweitliga-Saison ausverkauft.

Dieses Fan-Prinzip, also diese typischen Verhaltensweisen, greifen übrigens nicht nur im Fußball. Aus unserer Grundlagenforschung wissen wir, dass Unternehmen mit einer hohen Fan-Quote unter ihren Kunden und Mitarbeitern wirtschaftlich erfolgreicher sind als andere. Sie profitieren in hohem Maße von ihren Fan-Kunden: Denn diese kaufen mehr, sie kaufen häufiger, sie sind weniger preissensibel, sie bewerten Konditionen besser, haben den höchsten Deckungsbeitrag und sind beste Botschafter. Aber ein Fan-Merkmal ist aktuell ganz besonders wichtig: Fans bleiben auch in schlechten Zeiten treu.

Bewährungstest für Unternehmen

Und genau darauf steuern wir aktuell mit Hochdruck zu. Das sich ausbreitende Corona-Virus wird auch ein Bewährungstest für viele Unternehmen sein. An der Börse geht es in diesen Tagen unruhig zu, Firmen warnen vor Einbußen, Volkswirte sagen eine Rezession voraus und Kunden sind verunsichert. Ganz klar ist aus Sicht des Fan-Prinzips: Unternehmen, die es in der Vergangenheit geschafft haben, ihre Kunden zu echten Fans zu machen, werden auch diese Krise weitgehend unbeschadet überstehen.

Fans in Krisenzeiten

Denn Fankunden sind die wichtigsten Mitstreiter in Krisenzeiten. Sie stehen in Krisenzeiten nicht nur zu ihrem Star, sie verteidigen ihn sogar in der Öffentlichkeit – denkt man etwa an den Steuerhinterziehungs-Skandal um Uli Hoeneß.

Auch von diesem Fan-Mechanismus können Unternehmen mit einer breiten Fan-Base profitieren. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren gab es fast zeitgleich zwei Pannen: Eine bei der Deutschen Bank, eine bei ALDI. Die Supermarktkette hatte Kunden den doppelten Wert ihres Einkaufs abgebucht. Bei der Deutschen Bank wurden dem Kunden Abbuchungen lediglich doppelt angezeigt. Die Diskussion wurde hitzig in den sozialen Netzwerken ausgetragen und war hochinteressant: Die Fankunden verteidigten ALDI und ersticken so den sich anbahnenden „shitstorm“ im Keim, während die Deutsche Bank dem „shitstorm“ ihrer Gegner nahezu „schutzlos“ ausgesetzt war. Zur Info: Aldi hatte damals eine Fan-Quote von 31 Prozent, die Deutsche Bank eine Fan-Quote von 11 Prozent.

Geisterstadien in Zukunft

Am vergangenen Wochenende hat Bundesgesundheitsminister Spahn die Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Leuten empfohlen. In Frankreich sind derartige Veranstaltungen bereits verboten. In Nordrhein-Westfalen stehen zwei große Bundesliga-Derbys an. Der dortige Gesundheitsminister hat angekündigt, die Empfehlung von Spahn umzusetzen, die Austragungen werden vor leeren Rängen stattfinden. Auch das Bundesliga-Spiel zwischen Union Berlin und Bayern München am Samstagabend wird ohne Zuschauer sein. So wird also per Dekret vollzogen, wozu der Fan aus freien Stücken niemals bereit gewesen wäre. Zumindest den häufig gebeutelten Fans der Gegnermannschaften der Bayern bleibt damit möglicherweise ein sportliches Drama erspart.